5 Mythen zur Beikosteinführung

5 Mythen zur Beikosteinführung

Mein Schatz meldete uns noch während der Schwangerschaft bei sämtlichen Babyclubs und Newslettern an. Montags morgens begrüßte ihn die Mail mit dem Betreff: Herzlichen Glückwunsch zum Start in die 37. Schwangerschaftswoche (SSW). Wir lachten, wie sich sein Bauch und seine Gemütslage angeblich veränderten. Die Geburt in der 41. SSW meisterten wir gemeinsam. Es dauerte nicht lange, da flatterten die ersten „Willkommen Baby“ Umschläge in unseren Briefkasten. Bald schwappte die Welle der Produktproben und Beikostpläne über uns. Unser Kinderarzt versorgte uns mit Plänen von Gläschenherstellern, die eine möglichst frühe Zufütterung empfahlen.

Je früher die Gläschen gegeben werden, desto höher der Gewinn. Der Umsatz für den Hersteller, nicht der Gewinn für Eltern und Baby. Deshalb gibt es Gläschen ab dem vierten Monat. Und Eltern, die schon mit drei Monaten anfangen Karotten- oder Pastinakenbrei ins Baby zu balancieren.

Pastinaken sind trendy, denn sie machen nicht so hartnäckige Flecken. Hartnäckiger als Karottenbreiflecken halten sich diese fünf Mythen zur Beikosteinführung:

Mythos 1 – Sechs Monate stillen

Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) empfiehlt Säuglinge die ersten sechs Monate ausschließlich zu stillen. „Vollstillen“ beschreibt, dass ein Baby nichts anderes bekommt als Muttermilch. Wer bei der WHO weiter liest, weiß dass sie auch empfiehlt anschließend bis zum zweiten Geburtstag oder auch darüber hinaus begleitend weiter zu stillen. (http://www.who.int/nutrition/topics/global_strategy/en/)

Kürzlich war ich bei meiner Frauenärztin und hatte meinen Sohn dabei. Ich erklärte ihr, dass ich nun meinen ersten Zyklus nach der Geburt hatte. Er war knapp 14 Monate alt und sie fragte mich, ob ich ein ganzes Jahr gestillt hätte. Meine Antwort war, dass ich es immer noch tue. Abends, nachts und manchmal auch tagsüber. Ihre Reaktion schockierte mich. Sie sagte:

Chapeau!

Bis zu diesem Moment lebte ich in meiner eigenen kleinen Seifenblase. Ich war fest davon überzeugt, dass ich stille sei normal. Und Durchschnitt. Plötzlich kam etwas Stolz in mir auf. Gemischt mit der Frage, weshalb hören so viele Frauen früher damit auf?

Nach den ersten sechs Monaten kannst du dein Baby an andere Nahrung heranführen. Du kannst aber auch noch ein paar Monate damit warten. Hör auf dein Baby und achte auf dein Gefühl. Ungeachtet des Alters sollte dein Baby die Beikostreifezeichen erfüllen.

Die vier Beikostreifezeichen

  1. Dein Baby kann den Kopf alleine halten. Das ist wichtig, damit es mit Hilfe der Schwerkraft zu große oder kantige Stücke wieder leicht ausspucken kann.
  2. Dein Baby kann die Hände zum Mund führen. Das macht es mit Spielzeug wie mit Lebensmitteln, um zu fühlen, ob etwas genießbar ist.
  3. Dein Baby sitzt selbstständig und aufrecht oder von dir gestützt auf eurem Schoß. Das ist die wichtigste Regel, um ein gefährliches Verschlucken zu vermeiden.
  4. Dein Baby schiebt nicht mehr alles mit der Zunge aus dem Mund. Der Zungenstoßreflex behütet dein Baby vor dem Ersticken.

Mythos 2 – Fingerfood ist gesünder als Brei

Die herkömmliche Methode war bis vor Kurzem mit püriertem Essen zu beginnen. Dann kam BLW – Baby Led Weaning auf - die vom Baby gesteuerte Beikosteinführung. Gehen wir in der Geschichte noch weiter zurück, war das alles schon mal da. Lass dich nicht verunsichern.

Es ist ok Gemüse weich gegart am Stück, in Stückchen oder püriert anzubieten. Du darfst wechseln. Viel wichtiger als irgendwelche Trends, ist dein Baby. Du bietest an und dein Baby entscheidet, was es mag. Mit oder ohne Löffel.

In eine Flasche gehört allerdings nichts außer Muttermilch oder die Notlösung Pre-Milch.

Manche Kritiker geben an, mit der Fingerfood-Methode bekomme das Baby zu wenige Nährstoffe.

Andere Kritiker hinterfragen, ob es Sinn macht einem Baby mit 6 Monaten einen Gries-Stracciatella-Brei zu geben. Gesund geht mit Fingerfood und mit Brei. Ungesund leider auch.

Eine Dampfgegarte Karotte am Stück ist genauso gesund wie eine dampfgegarte Karotte püriert.

Ich wünsche mir, dass ihr euren Familientisch an euer Baby anpasst und nicht anders herum.

Mythos 3 – Obstgläschen sind gesund

Obstgläschen sind wahre Dickmacher. Sie enthalten zu viel Zucker und keine Nährstoffe. Vitamine aus dem Labor werden hinzugefügt und sind damit schlechter verwertbar.

Lass sie weg und kauf frisches Obst. Verträgt dein Baby noch kein rohes Obst, dann gib ihm keins und teste es ein paar Wochen später wieder. Den Obstgläschen habe ich einen eigenen Artikel gewidmet: Warum euer Baby kein Obstgläschen braucht .

Mythos 4 – Das Kind muss satt werden

Der Beikoststart hat noch kaum etwas mit Essen zu tun. BEIkost ist keine ANSTATTkost. Es geht nicht darum möglichst schnell abzustillen.

Im gesamten ersten Lebensjahr ist Muttermilch das Hauptnahrungsmittel.

Lass dein Kind an euren Familienessen teilhaben ohne ihm dafür die Brust zu entziehen.

Es ist sogar sinnvoll, beides parallel anzubieten, da die neue Nahrung dadurch verträglicher wird.

Stillen in der Zeit der Beikosteinführung hat einen allergievorbeugenden Effekt.

Das ist ein Grund, weshalb Gläschenhersteller Menüs ab dem vierten Monat anbieten. Da es Frauen gibt, die nach den empfohlenen sechs Monaten schon abstillen, sollte die Beikost vorher eingeführt werden. Sinnvoller ist es begleitend zu stillen nach dem sechsten Monat.

Wenn dein Kleines bei den ersten Angeboten drei Teelöffel Brei isst oder fröhlich an einem weichen Karottenstick saugt, ist das der Jackpot. Und wenn es die Beikost nur beäugt, reicht das auch. Dein Baby ist der Chef. Gewöhn dich daran.

Ob du vor oder nach dem Essen stillst, richtet sich nach dem Bedarf deines Babys. Keine Tabelle der Welt passt auf alle Babys gleichermaßen. In verschiedenen Lebensphasen wird es unterschiedlich viel stillen und essen. Nicht zur zu Beginn.

Andere Essverhalten sind oft zu beobachten, wenn dein Baby zahnt, krank oder müde ist, etwas Aufregendes erlebt hat, ihm langweilig ist, und andere individuelle Gründe mehr. Manchmal hat es auch einfach mehr Lust zu essen, Appetit oder Hunger. Wie das bei uns Erwachsenen auch ist.

Mythos 5 - Die Babynahrungshersteller wissen was sie tun

Egal wie viele bunte Prospekte in deinem Briefkasten landen: Es gibt keinen „Gute-Nacht-Brei“, der Babys länger schlafen lässt.

So lange es Menschen gibt, die Konserven für Babys kaufen, so lange werden die Hersteller sie vermarkten. Wenn du zu Fertigbrei oder Gläschenkost greifst, sieh dir vor dem Kauf die Zutatenliste an.

Ich wollte zuerst eine Auswahl akzeptabler Gläschenkost zusammenstellen. Mir drehte sich der Magen um, als ich bei meiner ersten Suche sah, was da alles mit eingekocht wird: Zucker, Geschmacksverstärker, Farbstoffe, Aromen, ... . Diese Zutaten sind scheiße.

In den Heften, die wir regelmäßig bis zum ersten Geburtstag geschickt bekamen, stand davon meist nichts. Es gibt zwei Möglichkeiten, die Zutaten herauszufinden. Entweder im Laden direkt auf dem Glas oder im Internet mit mehreren Klicks auf den Hersteller-Seiten.

Besser du investierst die Zeit, die du brauchst um die Inhaltsangaben zu prüfen, mit frisch selbst kochen. Hole dir Bio-Gemüse beim Bauern und beginne.

Die ganze Familie kann mitessen. Mehrwert für alle.

Denkt daran, dass im Baby- und Kleinkindalter der Grundstein für die Ernährung im weiteren Leben gesetzt wird. Du hast die Verantwortung. Du kannst sie mit dem Papa des Kindes teilen, aber lass sie dir nicht von Babynahrungsherstellern nehmen. Jedes Kind isst unterschiedlich.

Die Portionsgrößen von Fertigprodukten sind kein Maßstab. Es gibt Babys, die schnell ein ganzes Gläschen verputzen, andere schaffen eineinhalb und wieder andere essen drei Mal davon bevor die Eltern den Rest im Müll entsorgen.

Dein frisch gekochtes Essen musst du nicht wiegen. Bleibt etwas übrig, heb es im Kühlschrank für den nächsten Tag auf. Oder als Notfallessen im Gefrierschrank.

Orientiere dich nicht daran, welches Gemüse die Gläschenhersteller ab welchem Monat empfehlen. Die Gemüsesaison gibt vor, welches Gemüse du geben kannst.

Das waren die Grundlagen für die Diskussionen zu den 5 Mythen:

  • Sechs Monate stillen
  • Fingerfood ist gesünder als Brei
  • Obstgläschen sind gesund
  • Das Kind muss satt werden
  • Babynahrungshersteller wissen was sie tun

Welche Mythen fallen dir noch ein?

Ich wünsche dir liebevolle Familientischgespräche,

Deine Kerstin